Neuropsychologische Symptomatiken

Klassifikationen psychischer Funktionen orientieren sich häufig an Informationsverarbeitungsmodellen, die beschreiben, wie ausgehend von einem Reiz eine spezifische Reaktion generiert und ausgeführt wird. Solche Informationsverarbeitungsmodelle werden meist völlig unabhängig von den beteiligten anatomischen Strukturen bzw. neuronalen Prozessen formuliert. Die spezifische Perspektive der Neuropsychologie entsteht durch das Ziel, den Zusammenhang von neuronalem Substrat und psychischer Funktion zu klären.

Geht man davon aus, dass psychische Funktionen auf neuronale Strukturen und Prozesse angewiesen sind, so folgt daraus, dass Schädigungen neuronaler Strukturen beziehungsweise Störungen von neuronalen Prozessen zum Ausfall oder zu Störungen der entsprechenden Funktion führen. Jede in Informationsverarbeitungsmodellen identifizierte psychische Funktion sollte demnach durch die Schädigung des entsprechenden neuronalen Substrates leiden. Dabei spielt die neurologische Grunderkrankung eine eher untergeordnete Rolle, weil sie häufig in Hinblick auf die betroffenen neuronalen Strukturen und Prozesse unspezifisch ist. Entscheidend ist, welche anatomischen Strukturen dysfunktional sind, nicht aufgrund welcher Krankheit sie dysfunktional sind.

Klassifikationen neuropsychologischer Symptome lassen sich auch deshalb am besten an funktionalen Informationsverarbeitungsmodellen orientieren, weil für viele Teilfunktionen nicht geklärt ist, welche neuroanatomischen Strukturen und welche Prozesse für diese Teilfunktion notwendig und hinreichend sind. Das heißt nicht, dass man nicht zeigen kann, dass neurologische Patienten im Gegensatz zu gesunden Menschen keine Defizite in den entsprechenden Funktionen haben. Man weiß lediglich nicht genau, aufgrund welcher Schädigung sie diese Defizite haben.

Man kann Informationsverarbeitungsmodelle ganz grob in drei Komponenten zerlegen. Die erste Komponente betrifft Funktionen, die mit perzeptuellen Leistungen, das heißt mit der Wahrnehmung der Außenwelt zu tun haben. Die zweite Komponente betrifft kognitive Transformationen des Ergebnisses eines Wahrnehmungsprozesses, Übersetzungen in andere Modalitäten, Speicherung und Anbindung an bereits gespeichertes Wissen, logische Operationen, Entscheidungen, Bewertungen etc. Die dritte Komponente schließlich umfasst die Prozesse, die die Steuerung der Reaktion oder mehrerer Reaktionen erlauben bis hin zur motorischen Ausführung der Reaktion. Für einzelne Teilfunktionen mag es schwer fallen, sie der einen oder anderen dieser drei Komponenten zuzuordnen. Dennoch hilft diese grobe Klassifikation Symptomatiken zu ordnen.

 

- Perzeptuelle Defizite

Organismen nehmen Informationen aus ihrer Außenwelt mit Hilfe von Sinnesorganen auf. Sinnesorgane übersetzen physikalische Veränderungen in der Umwelt in Signale, die das Nervensystem des jeweiligen Organismus verarbeiten kann. Das heißt, jedem Sinnesorgan ist eine neuronale Struktur zugeordnet, deren Aktivität notwendige Bedingung dafür ist, dass wir die physikalische Veränderung in unserer Umwelt erfahren. Wird die neuronale Struktur jenseits des Sinnesorgans geschädigt, kommt es zum Verlust oder zu Veränderungen unserer Sinneswahrnehmung. Zu den entsprechenden Störungen gehören z.B. Störungen der Farbwahrnehmung, des Kontrastsehens oder des räumlichen Sehens sowie Gesichtsfeldausfälle (z.B. Hemianopsien).

- Kognitive Verarbeitungsprozesse

Ist die Informationsverarbeitung gestört, können Reize nicht mehr in dem für adaptives Verhalten notwendigen Maße klassifiziert werden und entsprechende Reaktionen können nicht adäquat vorbereitet werden. Zu den Störungen der Informationsverarbeitung zählen unter anderem Störungen von Aufmerksamkeitsprozessen, die sich z.B. in einem Vernachlässigungssyndrom (Neglect), erhöhter Ablenkbarkeit und der Unfähigkeit zur Informations-Auswahl und -Priorisierung, mangelnder Konzentrationsausdauer und rascher Ermüdbarkeit zeigen können, Störungen der Gesichter- oder Objekt-Erkennung (Agnosien), Störungen räumlicher Leistungen (z.B. räumliche Exploration, konstruktive Leistungen) und Lern- und Gedächtnisstörungen für sprachliche und/oder bildliche Informationen (Speicherung, Abrufen und Wiedererkennen von Informationen).

- Steuerung und Ausführung von Reaktionen

Ist die Handlungs-Planung und -Ausführung gestört, gelingen Interaktionen mit der Umwelt nicht und die Betroffenen sind in ihrer Alltagsbewältigung eingeschränkt, Handlungsflexibilität und Anpassung an sich verändernde Umweltbedingungen sind beeinträchtigt. Zu den Störungen der Reaktionsausführung zählen neben Störungen der Sprech- und Sprachfunktionen (Sprechapraxie bzw. Dysarthrie, Aphasien: Sprachproduktion und Sprachverstehen), Beeinträchtigungen der Bewegungsprogrammierung (Apraxien), die Verlangsamung der Reaktionen oder des Denkens sowie die Störungen der Exekutivfunktionen, welche sich sowohl als Defizite beim logischen Denken und Problemlösen und Störungen der Handlungs-Planung, -Kontrolle und -Flexibilität als auch als Störungen der emotionalen und sozialen Verhaltenskontrolle manifestieren können.